Spinnen die Namibier?

Wenn es regnet flippen alle aus. Vor Freude!

Die Sonne scheint hier fast immer. Daher ist das Wetter hier eigentlich keiner Rede Wert – es sei denn es regnet, oder es regnet nicht. Beides bewegt die Bewohner des Wüstenlandes Namibia mehr wie in Deutschland die Aussicht auf Badewetter.

Haben Sie schon mal die Regenmenge in Ihrem Garten gemessen? Nach jedem Schauer? Die Namibier tun es mit Hingabe. Wo es 2, 7, 20 oder gar 90 mm geregnet hat, steht in Namibia in der Zeitung.

Es gibt eine Facebook Gruppe „Reen in Namibia“, also Regen in Namibia. Dort wird jede schwarze Wolke gepostet und diskutiert.

Besonders, wenn es einige Jahre nicht, oder wenig geregnet hat, steigt zum Beginn der Regenzeit die Spannung. Wenn es nicht genug regnet, wächst kein Gras für die Tiere und die Landwirtschaft sitzt auf dem Trockenen. Wenn es nicht genug regnet, werden die Trinkwasserspeicher nicht aufgefüllt. Wenn es nicht genug regnet, wird es ernst.

Die beginnende Regenzeit schickt oft fluffige Wolkendecken als Vorboten. Dann staut sich die Hitze, und es wird heiss und immer heisser. Jedes Lebewesen glüht vor Hoffnung auf Regen. Doch der Wind dreht. Der Südwester-Wind treibt die Wolken erbarmungslos dorthin zurück, wo sie hergekommen sind. Und die Hoffnung nach Regen fällt in sich zusammen. Bis die nächsten Wolken herantreiben…

Wolkenberge über dem Naukluftgebirge im Süden Namibias

Die letzte Regensaison mit üppigem Regen war 2010/11. Seitdem blieben die meisten Riviere (= Trockenflüsse) trocken und in einigen Gegenden war auch der letzte Grashalm abgegrast. Wildtiere sah man dort nicht mehr. Und viele Farmer mussten ihre Kühe, Schafe und Ziegen schlachten oder verkaufen.

Dieses Jahr (2018) hat es fast landesweit geregnet. Der Regen kam spät, erst zu Ostern. Alles hat auf ihn gewartet. Und was für eine Erleichterung als er endlich kam! Das Land hat sich schnell verwandelt:

Fifty Shades of Green!

In der Namib-Wüste herrschen normalerweise Brauntöne vor. Nach dem Regen sieht alles nach kurzer Zeit schon viel grüner aus!

Landschaft in der Namib in den normalen Braun-TönenNamib Landschaft grün
Damaraland Etendeka Berge trockenDamaraland Etendeka Berge in Namibia grün

Es kann sogar sein, dass sich mitten in der sonst staubtrockenen Wüste der Skelettküste eine vergängliche Wasser-Oase bildet:

Wasser mitten in der Namib, Namibia

Flüsse fliessen hier nur nach dem Regen

Die meisten Flüsse in Namibia fliessen nicht. Und sie heissen nicht Fluss, sondern Rivier. Und wenn so ein trockener Fluss doch einmal fliesst, dann „kommt das Rivier ab“. Und das ist in Namibia oft ein Grund zum feiern. Man packt dann alles zusammen, um zu braaien, also zu grillen, und fährt zum fliessenden Fluss. Man erlebt das schliesslich nicht so oft.

Der Kuiseb - ein trockener Fluss in Namibia_normal
Der Kuiseb - ein sonst trockener Fluss in Namibia mit Wasser

Und was ist mit den Tieren?

Auf die Frage nach der besten Reisezeit hört man oft als Antwort, dass dies die Trockenzeit sei, weil man dann mehr Tiere sieht. In der Tat sehen die Wasserlöcher im Etosha-Nationalpark in der Trockenzeit meist so aus:

Etosha Wasserloch_Elefanten Impalas Zebras
Etosha Wasserloch während der Trockenzeit

Wenn es geregnet hat, kann es dagegen sein, dass in Etosha niemand zum Wasserloch kommt. Es gibt dann im Busch genügend kleine Wasserlöcher. Die Tiere können sich dann den oft weiten Weg zum nächsten Wasserloch sparen. Sie können dadurch auch Weidegebiete im Etosha Nationalpark nutzen, die weiter von der nächsten Wasserstelle weg sind. Und, sie müssen sich nicht der Gefahr aussetzen, am Wasserloch von Löwen, Leoparden oder Geparden überrascht zu werden.

tosha Wasserloch leer nach dem Regen

Das heisst aber nicht unbedingt, dass während der Regenzeit im Etosha-Nationalpark keine besonderen Tier-Erlebnisse möglich sind. Im Gegenteil! Es ist vielleicht etwas schwieriger Wildtiere zu finden, und sie sind weiter im Busch verteilt. Aber dafür können Sie vielleicht Giraffen auf grüner Wiese bewundern oder junge Pelikane:

Giraffen auf grüner Blumenwiese im Etosha Nationalpark
Junge Pelikane in der Etosha Pfanne

Oder die sehr sehr seltenen Paradieskraniche (es wird geschätzt, dass in Namibia nur noch weniger als 40 dieser schönen Vögel leben):

Paradieskraniche am Wasserloch im Etosha Nationalpark in Namibia

Auch Löwen und andere Raubtiere, wie Hyänen und sogar Geparde lassen sich in der Regenzeit oft gut beobachten.

Löwenpärchen im Etosha Nationalpark in Namibia

Sieht man jetzt vielleicht sogar manchmal mehr Tiere?

Ausserhalb Etoshas schiessen die Tiere jetzt manchmal wie Pilze aus dem Boden. Wo waren diese Hartmann’s Bergzebras während der Trockenzeit? Im Damaraland erschweren keine Zäune die Wanderungen der Tiere. Sie ziehen mit dem Regen. Während der harten Trockenperioden ziehen sie sich vielleicht in die Berge zurück, oder weiter nach Osten. In den letzten Jahren waren Zebras in der Gegend um Palmwag fast so selten wie Nashörner. Erreicht dann der Regen die Namib, sind sie plötzlich wieder da und haben Fohlen!

Hartmanns Bergzebras im grünen Damaraland

Panzerheuschrecken sind auf ihre eigene besondere Weise ziemlich posierlich! Nach dem Regen landen sie oft tausenden wie kleine Ausserirdische mit langen Antennen in der Namib:

Panzerheuschrecke in Namibia

Besonders interessant sind die Pflanzen in der Regenzeit

Aloen haben in der Namib für die Artenvielfalt eine grosse Bedeutung. Der berühmte Köcherbaum ist ein Aloe (aloe dichitoma) und ziert viele Postkartenbilder Namibias. Hier blüht prachtvoll eine Aloe zebrina (wegen der weissen Zebra-Flecken) in der Palmwag Konzession.

Hartmanns Bergzebras im grünen Damaraland

Die Knollen vieler Lilien-Arten überbrücken die trockenen Zeiten im Boden. Bei ausreichend Regen muss die Pflanze schnell blühen, wer weiss wie lange der Regen anhält und ausreichend Wasser zur Verfügung steht.

Vlei Lilien auf Kalahari Sand am Waterberg

Erstaunlich ist, dass sich jetzt an allen Ecken Pflanzen und Pflänzchen blicken lassen, die vielleicht noch nicht mal ein Namibier je zu Gesicht bekommen hat, oder zum letzten Mal vor Jahren oder Jahrzehnten. Die Samen vieler Gräser, Kräuter und Blumen können lange Zeit im Dornröschenschlaf im ausgetrockneten Boden verbringen, bis der Regen sie nach vielen Jahren wachküsst.

Pflanzen in Namibia nach dem Regen
Pflanzen in Namibia nach dem Regen

Und in ausserordentlichen Regenjahren kann es sogar passieren, dass der Wendekreis des Steinbocks (Tropic of Capricorn) unter Wasser steht:

Wendekreis des Steinbocks unter Wasser
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